TYP 6 : Upcycler – aus der Studie SPILLOVER effekte von Kultur und Kreativwirtschaft im Ruhrgebiet

(Text von Dr. Bastian Lange)
Heimwerkstätten sind Archive alltagsrelevanter Kompetenz. Heute spricht man von sogenannte Maker Spaces: Räume, in denen eine weltweit wachsende Maker-Szene die Idee der Werkstatt neu interpretiert und diese Praxisformen in die Welt hinausträgt. Früher war dies der Bastelkeller, sorgasm am Ende des Kellers oder des Garagenschuppens angegliedert und dabei mit Bedacht und Liebe wie der eigene Augapfel behütet. Er war lange Zeit der Ort, in dem die Patron*in der Familie reparieren, kleine Traumwelten bauen, seinen Leidenschaften frönen und zugleich durch Reparaturen den familiären Haushalt in Schuss halten konnte. Gleichwohl ist es der Ort, an dem handwerkliche Fähigkeiten weitergegeben, an technischen Problemen gebastelt und ebenso experimentiert werden konnte. Hat nicht jeder epochalen wirtschaftliche Wandel in den letzen 150 Jahren diese alltagrelevanten Mikro-Reparaturwerkstätten stillschweigend den Kampf angesagt? Die Industrialisierung griff die vielfältigen Kompetenzen der bäuerlichen handwerklichen Fähigkeiten an, in dem sie die Menschen in standardisierte Produktionsprozesse drängte.  Die wachsende Konsumindustrie des 20.Jahrhunderts griff sodann die Reparaturfähigkeit billiger Massenartikel an. Repariert werden konnte nicht mehr, die Wegwerfära begann.
Die Digitalisierung und wachsende Immaterialisierung schien zu Beginn des 21. Jahrhunderts zunächst mit ihrer Virtulität und fehlenden Haptik und Greifbarkeit durch die Bits und Bytes den Hammer und den NAgel, die Säge und die Schraubzwinge obsolet werden zu lassen. Nicht zuletzt der Siegeszug verschiedener Baumärkte kann als eine Form der Renaissance des eigensinnigen Werkens und Reparierens gelesen werden, mit Hilfe dessen viele Menschen ein Mindestmaß an Autonomie im Vollzug des amateurhaften Gestaltens ihrer Lebenswelt zurückzugewinnen versuchen.

Seit einigen JAhren gibt sich eine weltweit wachsende Upcycling-Szene zu erkennen: Doch diese Werkstätten sind mehr als nur das herkömmliche männlich dominierte Rückzugsrefugium der letzten 25 JAhren. Für sie sind offene Werkstätten, Maker-Labs, Dingfabriken und Open Design Cities Orte neuer Herstellung, neuer Produktionsphilosophien wie Open Innovation und Crowdsourcing und daher auch neue soziale wie materielle Wertschöpfung.  Ganz wesentlich dabei ist die Beobachtung von DesignerInnen und ArchitektInnen, den materiellen Stoffkreislauf zu unterbrechen und aus bereits vorhandenen Materialen ressourceneinsparend etwas Neues zu erschaffen. Akteur*innen der Upcycling-Szene betrachten Upcycling nicht nur als Sichtweise auf Produktion und Nutzung mit dem Ziel der Nutzungssteigerung und Materialausreizung. Kleider sollen Kleider bleiben und werden neu kombiniert, Häuser sollen nicht abgerissen werden, sondern schlau umgebaut und aktualisiert werden. Vielmehr betrachten sie gerade ortsspezifische Materialflüsse und Produktionsprozesse, um orts- und regionalspezifische Antworten des Upcyclings zu entfalten. Produktion und Identität finden eine neue Plattform des Agierens. 

Derartige neue Orte und Werkstätten der offenen Produktion haben sich mittlerweile in Deutschland im Verbund sogenannter Offener Werkstätten vereint. Dort treffen Laien und Experten, Alte und Junge zusammen. Der Verbund bildet das bunte Spektrum verwirklichter Infrastrukturen zum Selbermachen ab: Workshops, Repair Café, Upcycling, Siebdruck, – Werkstätten, FabLabs und Dingfabriken. Es sind neue Orte, an denen mit unterschiedlichsten Formaten neue Impulse vermittelt und Anreize geschaffen werden, sich mit drängenden gesellschaftlichen Herausforderungen praktisch auseinanderzusetzen. 

Die rasante zunahme derartiger Maker-Kulturen seit zwei, drei Jahren ist eng mit dem Aufstieg von sogenannten Hackerspaces verbunden, von denen es mittlerweile über 100 in den Verinigten Staaten gibt. Hackerspaces ermöglichen Gleichgesinnten, ihre Ideen, Werkzeuge und Fähigkeiten zu tauschen. In den USA sind die bekanntesten Noisebridge, A2 Mech Shop, Artisan Anstalt etc. Mittlerweile werden traditionelle Unversitäten immer neugieriger und verbinden sich mit den Maker-Szenen wie zum Beispiel das Massachusetts Institue of Technology (MIT).

Eingebunden ist die Kultur des Upcyclings in eine breite Bewegung von MAker Spaces, Hacker Spaces, offenen Werkstätten und Tech Shops, die erst einmal für viele Menschen eine Option darstellen, die sie in ihrem Leben, ihrem Alltag oder in ihrer Berufstätigkeit so nicht mehr auffinden. Diese Entwicklung gibt aber auch einen schlaglichtartigen Hinweis darauf, dass das Digitale gerade in die Welt der Atome zurückführt. “Atoms are the new bits” lautet das Credo der wachsenden MAker-Szene. Mittels Fabbing- und Rapid-Prototyping-Technologien – ein Fertigungsverfahren zur schnellen und kostengünstigen Fertigung von Modellen, Mustern, Prototypen, Werkzeugen und Endprodukten anhand von 3D-CAD-Daten – lassen sich hochkomplexe Produkte in der eigenen GArage oder in halb-öffentlichen Werkstätten herstellen. Die digitale Räume, in denen jungen Ideenentwickler*innen gemeinsam arbeiten können.

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